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Wenn alles fließt, was gibt dann Orientierung?

Dirk von Gehlen beobachtet als Leiter Social Media und Innovation der Süddeutschen Zeitung wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verflüssigt. Was da genau passiert, untersucht er zurzeit für sein Buchexperiment „Eine neue Version ist verfügbar“. Wir haben ihn gefragt: wenn alles fließt, was gibt dann Orientierung?

Unser Gastautor ist außerdem Redaktionsleiter jetzt. 2011 veröffentlichte er bei Suhrkamp sein viel besprochenes Buch „Mashup – Lob der Kopie“. Mehr zu seinem aktuellen Buchexperiment „Eine neue Version ist verfügbar“ gibt es auf www.enviv.de.

Menschen brauchen Bilder, um Veränderungen zu verstehen. In der Frühphase des Web etablierte sich deshalb die Metaphorik des Surfens um zu beschreiben, wie man sich im Internet bewegt. Das Bild des Flüssigen, des Navigierens im Info-Strom, ist seit dem nie mehr ganz verschwunden. Es wurde aber, so behaupte ich, auch noch nie ganz zu Ende gedacht. Ich glaube nämlich, dass die Digitalisierung mehr ist als lediglich ein neuer Verbreitungsweg für Inhalte. Ich glaube, dass der Wandel der Atome zu den Bits (wie Nicolas Negroponte die Digitalisierung Mitte der 1990er Jahre beschrieb) enormen Einfluß auf die Inhalte hat. Ich glaube, dass er ihren Aggregatzustand verändert. Er taut sie auf, die Inhalte werden flüssig. Wir müssen sie eher wie Software denken, nicht einzig als unveränderlichen Werkgegenstand. Inhalte verschwinden dadurch nicht, aber sie verändern sich.

Bisher blicken wir auf den tauenden Eisblock stets aus der Welt der Kälte: Wir sehen ein Verschwinden, versuchen das Eis zu erhalten. Vielleicht könnten wir aber auch überlegen, Flaschen zu erfinden und das sich verflüssigende Eis auffangen und weitertragen.  Dafür muss man den Prozess der Verflüssigung aber zunächst akzeptieren und verstehen. Metaphorisch gesprochen, muss man ins Wasser springen, um schwimmen zu lernen.

Der Sprung wird allerdings dann leichter, wenn wir uns vorher damit befasst haben, was uns im Wasser erwartet: Wenn wir uns also auf die Suche nach Orientierung in diesem fließenden Umfeld gemacht haben. Ich glaube, dass sich die immer dort finden lässt, wo das Fließen akzeptiert und gestaltet wird. Der Soziologe Zygmunt Baumann beschreibt dies in seinem Werk „Flüchtige Moderne“ so: „Flüssigkeiten bewegen sich mit Leichtigkeit. Sie sind im Gegensatz zu Festkörpern nicht leicht aufzuhalten – manche Widerstände umfließen sie, andere lösen sie auf oder werden von ihnen aufgesogen oder sickern durch sie hindurch. Das Zusammentreffen mit Festkörpern kann ihnen nichts anhaben, diese jedoch verändern sich, werden feucht oder durchnässt.“

Wer mit Flüssigkeiten umgeht, muss sich auf diese Grundeigenschaften einlassen. Ähnliches gilt für die digitale Verflüssigung. Man kann sie nur gestalten, wenn man Schlüsse aus ihren Grundeigenschaften zieht. Der häufig als Kontrollverlust beschriebenen Wandel der Publikationszugänge führt zum Beispiel dazu, dass sich manche Fehler nicht mehr einfach so versenden. Deshalb wurde der Satz „Transparenz ist die neue Objektivität“ geprägt, mit dem ein anderer Umgang mit Fehlern beschrieben wird, ein offener Zugang zu Kommunikation. Der Satz ist ein Beispiel für den Umgang mit digitalen Flüssigkeiten, für das Akzeptieren der neuen Gegebenheiten.

Orientierung entsteht in diesem Umfeld nicht mehr einzig dadurch, dass eine Autorität etwas bestimmt. Orientierung in der Enzyklopädie Wikipedia entsteht z.B. durch die Metadaten, durch den Kontext, durch die Versiongeschichte der Einträge. Für mein Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“ diente mir Wikipedia als Beispiel für die Verflüssigung des Prinzips „Lexikon“. Ich glaube, dass dieese Verflüssigung weitere Teile des digitalisierten Lebens erfassen wird. Das muss nicht zu Orientierungslosigkeit führen – wenn wir schwimmen lernen.

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